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Interview mit Filmregisseur Carl-A. Fechner: “Change ist mein Lebensthema” – Solarserver

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Portraitfoto Carl-A. Fechner

Foto: fechnerMEDIA GmbH

Guido Bröer, Solarthemen: Carl, bestimmt hast Du schon den neuen Dokumentarfilm über Greta Thunberg gesehen „Ich bin Greta”. Wie findest Du ihn?

Carl-A. Fechner: Ich habe ihn tatsächlich noch nicht gesehen. Deshalb kann ich dazu leider jetzt nichts sagen. Wir verstehen unseren geplanten Film THE STORY OF A NEW WORLD als die Umsetzung dessen, was die Fridays for Future-Bewegung gefordert hat. Und Greta hat diese Bewegung initiiert – wahrscheinlich, ohne es zu wollen. Der Impuls für diese Bewegung ist ihr historischer Verdienst. Dafür können wir ihr alle dankbar sein. 

In dem Dokumentarfilm wird Greta Thunberg über eine lange Zeit begleitet, in erstaunlichen Momenten, in denen die Anwesenheit der Kamera nach meinem Eindruck oft vergessen war. Die in ihren öffentlichen Auftritten stets so ernste Greta lacht im Film zum Beispiel oft und die Kamera macht uns dabei zu Beobachtern. Wie siehst Du Dich in Deinen eigenen Dokumentarfilmen, in denen es um Menschen und ihre Beziehung zu erneuerbaren Energien geht – eher als neutraler Beobachter oder als Teil einer Bewegung?

Beides. Erstmal bin ich Journalist. Ich recherchiere sehr intensiv, auch auf zwei Ebenen, Pro und Contra. Das musst Du tun, sonst bist Du unredlich. Die Filme, die wir machen, sind bis ins letzte durchrecherchiert. Ich bin wirklich stolz darauf, dass uns nach 31 Jahren, in denen ich Filme mache, noch niemand einer Falschaussage überführen konnte, obwohl es viele versucht haben. Das ist ein hoher Aufwand.

Die Intention, warum ich diese großen und aufwändigen Filme mache, ist ganz klar: Weil ich politischer Aktivist bin. Ich empfinde mich als einen Teil einer großen Bewegung. Mein Element sind Medien, und viele dieser Medien werden auch in Kampagnen eingebaut. Unsere Filme werden überwiegend im Kino, im Fernsehen und durch hunderte von NGOs und ähnliche Institutionen verbreitet. Sie sind Teil von großen, weltweiten Kampagnen,  in denen ich auch selber auftrete. Mit dem Film POWER TO CHANGE war ich in 450 Städten in Mitteleuropa. Aber das Handwerk muss sauber sein, sonst bist Du ein schlechter Filmemacher.

Gibt es für Deine Dokumentarfilme ein Drehbuch. Oder ist es so, dass Du mit Deinem Team rausfährst, beobachtest, wie sich Dinge entwickeln, und erst am Ende wird daraus eine Filmhandlung.

Am Anfang meiner Karriere standen Reportagen. Das war vergleichsweise einfach. Du musst nicht viel gestalten. Der Sinn der Reportage liegt ja darin, die Einheit von Raum, Zeit und Handlung authentisch abzubilden. Du musst es schaffen, als Persönlichkeit mit den Protagonisten, mit denen Du drehst, in eine gute innere Verbindung zu kommen. Das ist mir meistens gelungen, muss ich sagen.

Zum Beispiel einen Film über eine so komplexe und engagierte Persönlichkeit wie Hermann Scheer zu drehen, wie wir das in dem Film DIE 4. REVOLUTION gemacht haben, da sind einige vorher dran gescheitert. Oder in dem Film POWER TO CHANGE: Da redet einer der Protagonisten, Edy Kraus, lange und scheinbar ununterbrochen. Sein persönlicher Eindruck war – und das hat er auch vielfach so erzählt – dass er ohne jegliche Einflussnahme von mir einfach so erzählt. Aber das täuscht natürlich – ich habe dazwischen sehr präzise Fragen gestellt und ihn geführt. Das war eines der berührendsten Interviews, die ich je geführt habe. Es ist es mir gelungen, eine Atmosphäre aufzubauen, in der er völlig bei sich war, bis zum Tränenausbruch. Interviews sind eine Kunst für sich. 

Reportagen sind im Prinzip relativ einfach. Am schwierigsten ist es so zu arbeiten, wie wir das machen. Unser dramaturgischer Anspruch ist, dass der Film ausschaut und wirkt wie ein Spielfilm. Das ist ein beträchtlicher intellektueller, kreativer und technischer Aufwand. Am Set sind acht bis zehn Leute beschäftigt; das gibt es sonst nur beim Spielfilm. Wir arbeiten nur mir sehr profilierten Kameraleuten. Außerdem erzählen wir einzelne Geschichten, die wir dramaturgisch zu einer Geschichte verweben. Das ist schon ziemlich komplex.

Gibt es diese Geschichte des Films denn eigentlich, bevor der Film entsteht, oder entwickelt sich die Story erst aus den Erlebnissen im Laufe der Dreharbeiten? Vielleicht nennst Du es nicht Reportage, aber du machst ja doch Dokumentarfilme?

Bevor der Film gedreht wird, schon in der Akquisephase zur Finanzierung des Films, gibt es bereits eine Story Line. Die ist schon ziemlich gut durchrecherchiert, und die Argumentationskette steht. Dann filmen wir die Realität, und es werden durchaus Teile dieser Storyline wieder aufgegeben aus der Situation heraus. Aber beträchtliche Teile dieser Storyline werden realisiert.

Dann kannst Du mir also – obwohl Ihr noch nichts gedreht habt – schon verraten, welche Geschichte wir mit Eurem neuen Film FRIDAYS zu sehen bekommen werden!

Der Film wird THE STORY OF A NEW WORLD heißen, FRIDAYS haben wir rausgenommen.

Ach so – warum?

Aus einer Vielzahl von Gründen. Wir machen da jetzt keinen großen Wirbel draus, aber es setzt sich so langsam durch: In THE STORY OF A NEW WORLD steckt viel mehr drin. Wir merken, dass, wenn wir den Film FRIDAYS nennen würden, alle Menschen sofort an Greta und Luisa Neubauer denken würden. Aber der Film thematisiert viel mehr als die Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung. Der Film schaut voraus, entwickelt konkrete Visionen, versucht, mit weltweitem Blick erfahrbar zu machen, wie eine neue, gerechte, nachhaltige, liebevolle Welt aussehen könnte und wie wir sie erreichen.

Es ist eine Doku-Fiction. Wir verbinden Spielfilm-Teile mit dokumentarischen Teilen, etwa im Verhältnis eins zu fünf. Ein Teil ist Spielfilm. Es gibt eine Spielfilm-Rahmenhandlung, in die werden auf eine möglichst dramatische Art und Weise die dokumentarischen Teile, die den Film inhaltlich bestimmen, integriert. Die Geschichte ist, dass die UN sich vor dem Hintergrund der realen Katastrophen dieses Jahrhunderts entschließt, in fast jedem Land der Erde ein Future Lab zu gründen. In diesen Future Labs kommen Menschen mit verschiedensten Erfahrungshorizonten zusammen und entwickeln ein Jahr lang Lösungen für die Zukunft.

Die Vorgänge in einem dieser weltweiten Future Labs, die wir schon recherchiert haben, beobachten wir über ein Jahr. Da in den Future Labs eine große Bandbreite verschiedenster Menschen und Charaktere zusammenkommen, ergeben sich hier beträchtliche Spannungen, Konflikte und Dramen – mikrokosmische Entwicklungen, die fast symbolisch für den Makrokosmos der Welt stehen. Diese Vorgänge eskalieren – die Insassen versuchen sich gegenseitig mit den von ihnen recherchierten Erkenntnissen zu überzeugen, geraten in Aufregung, versöhnen sich … Und wir sind mit der Kamera dabei – sowohl in ihren weltweiten Recherchen, als auch in ihrem Future Lab. Dabei haben wir uns vorgenommen, die inneren Vorgänge im Menschen, die zu einer Veränderung führen, zu beobachten und exemplarisch darzustellen. Es gibt ja für alles Lösungen, die das Drama der Welt lösen würden. Aber diese Lösungen werden von Mehrheiten nicht übernommen. Wie kommt das, und was kann man daran ändern? Das sind Fragen, denen der Film nachgeht.

Du bist als Filmemacher nicht mehr allein. Johanna Jaurich, 40 Jahre jünger als Du, ist als weitere Regisseurin in Deinem Team. Wie arbeitet Ihr beiden Künstler zusammen?

Sehr, sehr gut. Johanna Jaurich ist ein Ausnahmetalent, die bereits mit ihrem ersten Fernsehfilm enorm Furore gemacht und etliche Preise gewonnen hat. Sie hat auch den Deutschen Solarpreis gewonnen. Sie bringt Elemente in diesem Film ein, die sich aus ihrem Hintergrund ergeben, und das ist eben der Hintergrund einer jungen Regisseurin. Jeder lernt vom anderen. Es läuft zwischen uns macht- und herrschaftsfrei. Das ist sehr angenehm. Auch deshalb bin ich ganz sicher, dass dies ein außergewöhnlicher Film werden wird. Das beginnt bereits mit der Finanzierung. 

Inwiefern steht dieser Film – auch was die Finanzierung betrifft – in der Tradition Deiner früheren Werke?

Es besteht eine Kontinuität, was unseren Ehrgeiz in der cineastischen Qualität betrifft. Von daher wird es auch ein teurer Film. Und es besteht eine Kontinuität, was die Grundidee betrifft, den Menschen Chancen, Perspektiven und Lösungen anzubieten. Dieser Film geht allerdings weit über die bisherigen Filme noch hinaus, weil er auch die psychologischen und philosophischen Hintergründe des “Change” betrachtet: Wie schaffen es Menschen, sich zu verändern? Das fasziniert mich seit vielen Jahren. Change ist das Thema meines Lebens.

Der zweite Aspekt, in dem dieser Film über die bisherigen hinausgeht, ist die frühe Verbreitung. Und die läuft über die Finanzierung. Wir haben jetzt eine Kampagne gestartet mit dem Ziel, dass 100.000 Tickets verkauft werden für je 20 Euro. Und mit jedem Ticket kauft man 4 Tickets für Menschen in Ländern des globalen Südens. Das ist ein Versprechen, das steht unverrückbar. Denn was wir machen, ist mehr als ein Film, es ist eine mitreißende Kampagne. Wenn wir 400.000 Menschen in 50 Ländern in Kontakt mit den Themen bringen wollen, dann müssen wir in jedem Land etwa 8000 Menschen erreichen. Das schaffen wir, weil wir so viele Kontakte jetzt schon haben.

Verstehe ich Dich richtig, dass dieses Trommeln für die Finanzierung – man sah Dich ja schon für Deine früheren Filme teils quälend lange Geld sammeln – geradezu ein Teil des Erfolges ist?

Exakt.

Weil Du in dieser Phase schon die Aufmerksamkeit gewinnst und die Spannung hochtreibst?

Erstmal dient es natürlich der Finanzierung. Zum zweiten gewinnen wir die Aufmerksamkeit aber auch durch dieses Versprechen, das meines Wissens einzigartig in der Geschichte des Dokumentarfilms ist. Wir werden dieses Versprechen einlösen, indem wir den Film in 50 Ländern zur Aufführung bringen. Und so eine Aufführung ist nicht nur eine Filmvorführung, sondern immer eine Art örtlicher Kampagne. Die Inhalte des Films werden umgebrochen auf Notwendigkeiten, die jeweils lokal bestehen. Deshalb arbeiten wir mit Menschen vor Ort zusammen.

Wir haben damit früher schon Erfahrungen gesammelt. Wir haben DIE 4. REVOLUTION beispielsweise in Kenia mehrfach in einem Slum gezeigt, jeweils vor mehreren Tausend Menschen. Da wurde dann intensiv darüber diskutiert, wie man diese Dinge vor Ort umsetzen kann, beispielsweise durch das Pflanzen von Bäumen und dergleichen. Es ergab sich daraus auch zum Beispiel der Berufswunsch einer jungen 12-jährigen Zuschauerin, Umweltministerin zu werden. Ich weiß zwar nicht, ob sie das mal wird, aber sie hat ihre Schule abgeschlossen und studiert jetzt Umwelttechnologie.

Ja, die Finanzierung des Films verbindet sich mit der Verbreitung des Films. Dass man mit 20 Euro die Produktion und Verbreitung dieses Films unterstützen kann, finde ich schon ganz schön gut. Und das auch noch in der depressivsten Phase unserer Gesellschaft der vergangenen Jahrzehnte.

Was muss man konkret tun, um dabei zu sein?

Bis Weihnachten kann man Tickets erwerben. Erst wenn der Zielbetrag erreicht ist, wird von der Crowdfunding-Plattform der Betrag abgebucht. Trotzdem – und das ist spannend – scheint es zu misslingen.

Es misslingt? – Wie kommt’s?

Offenbar haben wir die Corona-Krise doch falsch eingeschätzt. In unserem enormen Optimismus nahmen wir an, dass, wenn alle am Boden liegen, jeder mit dieser Filmidee und einem geringen Beitrag von 20 Euro für sich selbst eine positive Vision aufbauen kann und will.

Wir mussten aber lernen, dass mit dieser Depression innerhalb der Gesellschaft das ursprünglich gesetzte Ziel nicht zu erreichen ist. Und deshalb haben wir das Ziel abgespeckt und wollen jetzt im ersten Schritt 120.000 Euro einsammeln. Das werden die Menschen erreichen, da sind wir zuversichtlich. Die Finanzierung des Films beruht aber nicht nur auf dem Crowdfunding. Es steigen auch Mäzene mit ein, Stiftungen, Philantrophen, Filmförderung. Man kann Bausteine des Films erwerben. Das haben wir bei den anderen Filmen auch so gemacht. Es hat immer mindestens zwei Jahre gedauert. Bei DIE 4. REVOLUTION hat es sogar 4 Jahre gedauert. Wir liegen gut in der Zeit.

Wie sieht denn Euer weiterer Zeitplan aus? Muss der aufgrund von Corona vielleicht umgeschrieben werden?

Es ist schon erschreckend, wie tief dieses Corona-Thema die Menschen getroffen hat. Wir haben Menschen angerufen, die alle drei bisherigen Filme mit 10.000 bis 20.000 Euro unterstützt haben. Aber bei diesen, unseren besten Freunden haben wir nicht einen einzigen Euro eingesammelt. Weil die Menschen uns gesagt haben: „Ich bin selbst verzweifelt und weiß nicht, wie es weitergeht”. Deshalb wenden wir uns jetzt an ganz andere Zielgruppen, auch um den Kreis zu erweitern. Es wird übrigens voraussichtlich eine Co-Produktion mit einer großartigen Schweizer Filmfirma. Die sollen den Spielfilmpart realisieren und vermutlich auch finanzieren. Also: Wir erweitern den Kreis und habe mehrere Möglichkeiten. Wenn das alles so klappt, werden wir den Film bis März 2021 finanzieren und dann zügig drehen, weil wir schon sehr weit sind mit der Storyline. Natürlich passen wir die Geschichte an aktuelle Entwickelungen in der Welt an. Unser Ziel ist, bis Ende 2021 fertig zu sein.

Ist das nicht auch nervig, dass Du dich als Filmemacher so lange erstmal um die Finanzierung kümmern muss.

Ja es ist sehr nervig und immens anstrengend. Aber nur so können wir Filme absolut unabhängig und ohne Druck und Einfluss von außen realisieren. Du hast den Finanzierungsprozess vorhin als quälend langsam beschrieben. Für mich als Produzenten ist das in der Tat die quälendste Phase. Es ist schwierig, mich da immer wieder neu zu motivieren. Mein eigentlicher Beruf ist es ja, Filme zu machen, nicht zu finanzieren. Aber wenn wir es bis Ende nächsten Jahres schaffen würden – und ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen -, dann hätten wir den Film tatsächlich in zweieinhalb Jahren finanziert und produziert. Das wäre für ein gänzlich unabhängiges 2-Millionen-Euro-Projekt ganz schön gut.

23.11.2020 | Interview: Guido Bröer
© Solarthemen Media GmbH

https://www.startnext.com/fridays-film

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